Liebe Bürgerinnen und Bürger von Geraberg,

wiederum ist ein Jahr zu Ende. In diesen Tagen wird jeder für sich ganz persönlich Rückschau halten, um gleichzeitig seine Ziele für das kommende Jahr ins Auge zu fassen. Ich möchte daher in diesem Jahr meine Neujahrsgrüße an Sie mit einer Geschichte untermalen, die vielleicht ein klein wenig zum Nachdenken anregen kann:

Ich achte auf schöne Momente

Eines Tages reiste ich nach Italien, um dort an einer Tagung teilzunehmen. Zu einer Zwischenübernachtung hielt ich in einem norditalienischen Städtchen an und parkte meinen Wagen vor einem Hotel auf einer Piazza, um anschließend todmüde ins Bett zu fallen.
Als ich am nächsten Morgen vor mein Hotel trat, um meine Fahrt fortzusetzen, musste ich feststellen, dass auf der Piazza reges Markttreiben herrschte und mein Wagen verschwunden war - offenbar abgeschleppt.
Die Zeit drängte, denn in einer Stunde wollte ich am Zielort sein. Da kam ein Italiener auf mich zu, der meine Verzweiflung erkannt hatte und bot mir an, das Auto wieder zu beschaffen. Die Angelegenheit war mir zwar nicht geheuer, dennoch händigte ich dem freundlichen Mann die Autoschlüssel aus, setzte mich anschließend in ein Straßencafe und wartete.
Die Zeit verging, ich wurde immer nervöser, da ich feststellen musste, dass die Tagung ohne mich beginnen würde und die Reise damit vergeblich war. Doch mit der Zeit entspannte ich mich, sah dem Leben auf der Straße zu und genoss den sonnigen Vormittag - wenn auch gezwungenermaßen.
Plötzlich hupte es. Mein Wagen war wieder da. Der hilfsbereite Einheimische hatte ihn von einem Platz vor der Stadt geholt. Er hatte mit den Leuten verhandelt, so dass noch nicht einmal eine Gebühr fällig wurde. Als ich mich bedanken wollte, winkte er ab. Keinen Euro wollte er annehmen. Lediglich zu einem Espresso ließ er sich überreden. Ich berichtete, dass ich es mir in der Zwischenzeit hatte gut gehen lassen und bemerkte mit einem weinenden und einem lachenden Auge, es sei doch viel gesünder, zwischendurch das Leben zu genießen, als von Termin zu Termin zu jagen.
Er schmunzelte und murmelte, dann hätte ich es ja dem "alten Conte" gleichgetan. Da ich das nicht verstand, sagte er, in seiner Heimat erzählt man sich die Geschichte von einem Grafen, der sehr, sehr alt wurde, weil er ein Lebensgenießer par exellence war.
Der Graf verließ niemals sein Haus, ohne sich zuvor eine Hand voll Bohnen einzustecken. Er tat dies nicht etwa, um Bohnen zu kauen. Nein, er nahm sie mit, um so die schönen Momente des Tages bewusster wahrzunehmen und um sie besser zählen zu können.
Für jede positive Kleinigkeit, die er tagsüber erlebte - zum Beispiel einen fröhlichen Plausch auf der Straße, das Lachen seiner Frau und seiner Kinder, ein köstliches Mahl, eine feine Zigarre, einen schattigen Platz in der Mittagshitze, ein Glas guten Weines - für alles, was die Sinne erfreute, ließ er eine Bohne von der rechten in die linke Jackentasche wandern. Manchmal waren es gleich zwei oder drei. Abends saß er dann zu Hause und zählte die Bohnen aus der linken Tasche. So führte er sich vor Augen, wie viel Schönes ihm an diesem Tag widerfahren war und freute sich. Und sogar an einem Tag, an dem er bloß eine Bohne zählte, war der Tag gelungen, hatte es sich zu leben gelohnt! Ich fuhr weiter und nahm diese kleine Geschichte mit auf den Weg. Seither sind viele Jahre vergangen. Das Lebensrezept des alten Conte aber ist mir geblieben. Den Bohnentrick habe ich im Alltag übernommen. Und da alte Rezepte oft wirkungsvoller sind als mancher ausgefeilte Vortrag, habe ich es bereits häufig weitergegeben. Vielleicht begegnen Ihnen daher Damen und Herren, deren Jackentaschen mit Bohnen gefüllt sind. So bin ich für jenen Zwischenfall in Italien heute noch dankbar. Ich weiß jetzt, ich kann nicht nur, nein ich muss den positiven Kleinigkeiten jeden Tag Beachtung schenken. Und vieles ist mir seitdem "eine Bohne" wert.
Ich denke, dass diese Geschichte gerade in unsere heutige Zeit passt. Ist es nicht so, dass wir in der Hektik des Alltags und im Stress des Berufslebens den Blick für die positiven Kleinigkeiten des Lebens verlieren und uns nur noch an den vermeintlich großen Zielen orientieren? Führt nicht gerade dies dazu, dass wir uns nur noch von Pessimismus leiten lassen, der uns alltäglich von allen Medien aufgrund der derzeitigen schwierigen wirtschaftlichen Situation fast 24 Stunden am Tag vorgebetet wird? Ist uns hierüber nicht jeglicher Optimismus verlorengegangen, der uns in Deutschland immer ausgezeichnet hat, gerade auch in den viel schwierigeren Zeiten des Aufbaus nach dem 2. Weltkrieg? Es ist höchste Zeit, dass hier ein Umdenken einsetzt, da sich zurzeit viel Negatives in den Köpfen festgesetzt hat. Natürlich muss auch die Politik endlich verlässliche Grundlagen zu den angekündigten tiefgreifenden Reformen liefern, deren Notwendigkeit allenthalben anerkannt wird. Aber auch wir alle, jeder für sich, müssen wieder beginnen, positiver zu denken, auch wenn es manchmal schwer fallen sollte. Beginnen sollten wir, indem wir wie der alte Conte wieder die positiven Dinge herausstellen und uns auch an Kleinigkeiten freuen. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen ein erfolgreiches Jahr 2005 und dass Sie jeden Tag möglichst viele Bohnen von der rechten in die linke Tasche stecken können, denn:
"Freude ist, wo man die Vergangenheit annimmt und gern in die Zukunft blickt."

Adalbert Ludwig Balling

Ihr

Gregor Eibes
Bürgermeister Morbach


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